Meldung vom 23.10.2014

Stralsund gedenkt Opfer der NS-"Euthanasie"

Gemeinsame Pressemitteilung des HELIOS Hanseklinikums Stralsund und der Deutschen Bahn

Stralsund, 23. Oktober 2014 – Eine Stolperschwelle im Stralsunder Hauptbahnhof steht ab heute symbolisch für die Opfer der NS-„Euthanasie“. Sie erinnert an das Leid von mehr als 1.000 psychisch kranken Menschen, die 1939 aus der ehemaligen Landesheilanstalt am Krankenhaus West mit dem Zug deportiert wurden. Das Projekt haben der Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am HELIOS Hanseklinikum Stralsund, Prof. Dr. Harald Freyberger, und der Leitende Oberarzt, Dr. Jan Armbruster, ins Leben gerufen und gemeinsam mit der Hansestadt Stralsund und der Deutschen Bahn umgesetzt. Damit gedenken die Initiatoren 75 Jahre nach der grausamen Tat erstmals im öffentlichen Raum dem Schicksal der Betroffenen in Stralsund.

„Lange Zeit galt Verschweigen und Verdrängen im Umgang mit diesem düstersten Kapitel deutscher Psychiatriegeschichte. Bis heute werden ‚Euthanasie‘-Geschädigte wie auch die Opfer der Zwangsterilisation bei der Anerkennung als NS-Verfolgte stigmatisiert und benachteiligt. Wir wollen mit Hilfe dieses Projekts auch einen offenen Diskurs anstoßen“, sagt Prof. Freyberger.

Für den Stralsunder Oberbürgermeister Dr.-Ing. Alexander Badrow ist es unbestritten: „Die Frage, was ‚lebenswert‘ oder ‚lebensunwert‘ ist, darf niemals wieder gestellt werden. Es ist gut, dass die Stolperschwelle nicht nur erinnern, sondern auch zur Diskussion anregen will."

Im Januar 1940 begann im Deutschen Reich die erste systematisch durchgeführte Massenvernichtungsaktion des NS-Regimes „Aktion T4“, der mehr als 70.000 psychisch Kranke aus Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer fielen. In Stralsund und der gesamten ehemaligen preußischen Provinz Pommern begann das Martyrium sogar noch vor der offiziellen Aktion. Der Gauleiter Franz Schwede-Coburg (1888-1960) ließ bereits im November und Dezember 1939 über 1.400 Patienten aus Pommern in Piaśnica bei Weiherowo/Neustadt auf polnischem Territorium töten, von ihnen 300 aus Stralsund. Weitere 860 psychisch Kranke wurden aus der Hansestadt in andere Anstalten verlegt. Fast alle starben 1940 im Rahmen weiterer Anstaltsschließungen oder wurden von der „Aktion T4“ erfasst und getötet.

Eine erste Initiative zur Erinnerung an die „Euthanasie“-Toten hat die SED-Kreisleitung während der DDR-Zeit Mitte der achtziger Jahre zurückgewiesen. Sie untersagten damals die Installation einer Gedenkplatte.

„Die barbarischen Verbrechen in der NS-Zeit, sollen uns eine Mahnung sein, auch heute wachsam gegenüber jeder Verletzung der Menschenrechte zu bleiben“, so Ingo Mau, Bahnhofsmanager Stralsund.

Die Solperschwelle im Stralsunder Hauptbahnhof entwarf der Kölner Bildhauer Gunter Demnig, dessen Stolpersteine in ganz Europa zu finden sind. Er hat das weltweit größte dezentrale Mahnmal für die während der NS-Zeit Deportierten geschaffen.

Foto/Text: Bonatz/HELIOS Hanseklinikum Stralsund